Maßnahmen zur Kundenrückgewinnung

Im heutigen 4. Teil zur Gastartikelserie über Kundenrückgewinnung geht es um die einzelnen Maßnahmen hierzu. Es ist dies der dritte Schritt im Prozess des Kundenrückgewinnungsmanagements nach der Identifizierung der verlorenen Kunden und der Analyse der Ursachen für die Kundenabwanderung.

Es geht also um die Reaktivierung lukrativer Ex-Kunden und das Finden der passenden Maßnahmen hierzu.

 

Dabei interessieren vor allem zwei Dinge: Mit welchen Kunden lohnt sich ein Neuanfang? Und: Welche Kunden wollen überhaupt zurück? Zudem ist zu klären: Welchen ‚Rückhol-Köder‘ wollen wir anbieten? Wann soll dies erfolgen? Und schließlich: Wer soll die Ex-Kunden ansprechen?

 

Teil der Maßnahmenplanung ist die Vorauswahl solcher Kunden, die rentabel waren beziehungsweise sein werden und rückholbar sind. Die Abwanderung wertarmer Kunden ist durchaus erwünscht. Es gilt also, die Spreu vom Weizen trennen. Dabei darf man sich nicht von subjektiven Einschätzungen oder persönlichen Vorlieben leiten lassen. Vielmehr wird ein vergleichendes Bezugssystem benötigt. Basis hierfür ist eine funktionsfähige Datenbank mit gut gepflegten Kundendaten.

 

 

Das Kunden-Scoring

 

Die Scoring-Methode dient der Vorselektion solcher Kunden, die in die Reaktivierungsaktion einbezogen werden sollen. Hierbei werden zunächst die Kriterien definiert, die die Kunden reaktivierungsattraktiv machen. Und das ist bei weitem nicht nur der Ertrag, der mit einem Kunden erzielt werden kann. Kunden haben ja nicht nur einen monetären, sondern auch einen ideellen Wert. Um all dies zu berücksichtigen, bieten sich etwa die folgenden Merkmale an:

 

  • Kaufhistorie: Wie lange war uns der Kunde verbunden, wie oft und wie viel hat er zu welchen Zeiten und mit wie viel Ertrag gekauft?
  • Deckungsbeitrag: Wie profitabel kann der Kunde zukünftig sein?
  • Imagefaktor: Können wir uns mit diesem Kunden schmücken?Der Empfehlungswert: Ist dieser Kunde ein wertvoller Empfehler?
  • Zukunftsperspektive: Ist der Kunde innovativ und gehört er einer Wachstumsbranche an?
  • Preissensibilität: Verhandelt der Kunde bis aufs Messer?
  • Schnäppchenfaktor: Hat der Kunde kontinuierlich gekauft - oder nur die wenig rentablen Schnäppchen?
  • Zahlungsmentalität: Bezahlte der Kunde seine Rechnungen pünktlich und ohne Beanstandungen?
  • Bonität: Wie steht es um seine zukünftige Zahlungsfähigkeit?
  • Betreuungsaufwand: Wie anspruchsvoll war der Kunde?
  • Sympathiefaktor: War der Kunde angenehm und gern gesehen?
  • Reklamationsbereitschaft: Reklamierte der Kunde häufig?

 

Diese und ähnliche Kriterien, die individuell zu bestimmen sind, werden auf einer Skala von null bis zehn bewertet und optisch sichtbar gemacht. Die Punkte (= Scores) werden schließlich aufaddiert und in eine Rangfolge gebracht. Dem Vertrieb ermöglicht dieses Vorgehen, sich systematisch auf die interessantesten Reaktivierungskandidaten zu konzentrieren.

 

 

Rückholangebote entwickeln

 

Es gibt drei Arten von Comeback-Ködern, die eingesetzt werden können, um ehemalige wieder versöhnlich zu stimmen:

 

  • emotionale (Entschuldigungen, Erklärungen, verständnisvolle Gespräche, Aufmerksamkeit, Wertschätzung, Anerkennung der Wichtigkeit des Falls beziehungsweise des Kunden etc.)
  • materielle (Behebung des Schadens, Wiedergutmachung etc.)
  • finanzielle (Rückkehrprämien, Preisnachlässe, kostenlose Zusatzleistungen, Spezialtarife, Gutschriften, Bonuspunkte etc.)

 

Diese können kombiniert werden. Bei der Ausstattung des Rückgewinnungsangebots ist nicht nur an den Soforterfolg zu denken, sondern vor allem auf eine dauerhafte Reloyalisierung zu zielen. Ein Comeback-Bonbon soll also sowohl das Zurückkommen als auch das Bleiben belohnen. Manchmal reicht schon ein gesteigertes Maß an Aufmerksamkeit, um Menschen (wieder) für sich zu gewinnen. Also gilt es, zu überlegen, welche emotionalen Türöffner beim jeweiligen Kunden hilfreich sind. Dabei ergeben sich die unterschiedlichsten Ansatzpunkte:

 

  • Geben Sie dem abgewanderten Kunden das Gefühl, jemand Besonderes zu sein.
  • Sagen Sie ihm, wie wichtig Ihnen die weitere Zusammenarbeit ist.
  • Erinnern Sie ihn an die lange und gute Zeit des Miteinanders.
  • Erinnern Sie ihn an ein ganz besonders positives Ereignis.
  • Erinnern Sie ihn an einen Fall, wo er Sie drigend gebraucht hat und wie Sie sich da für ihn ins Zeug gelegt haben.
  • Bieten Sie ihm Problemlösungen und vor allem gute Gefühle.

 

Die Rückgewinnungsofferte muss in jedem Fall fair sein – und zwar aus Sicht des Kunden. Standardisierte Rückhol-Angebote haben weniger Aussicht auf Erfolg als individuell mit dem Kunden abgestimmte Offerten. Also: Nichts schnitzen, was Sie für angemessen halten, so nach dem Motto: „Das sollte reichen!“, sondern den Kunden befragen. Ihm muss es zusagen.

 

 

Das schnelle Timing

 

Egal, ob das Abwandern still und leise erfolgt oder mit einer lautstarken Kündigung verbunden ist: Auf Warnhinweise reagiert man am besten sofort. Die Dortmunder Beratungsgesellschaft Materna hat beispielsweise herausgefunden, dass bei einer prompten Antwort auf eine Beschwerde die Abwanderungsquote der Kunden von 39 Prozent auf 15 Prozent sank.

 

Also: Jeder Tag zählt. Je eher die mit der Aktion betrauten Mitarbeiter die Unterlagen zur Verfügung haben, desto besser. Dann ist das Adressmaterial noch aktuell und die Erinnerungen sind frisch. Nicht immer hat sich der Abtrünnige bereits für einen neuen Anbieter entschieden, wenn er den alten verlässt. Und schließlich hatte man sich früher ja auch einmal gut vertragen. Daran lässt sich anknüpfen. Eine Restloyalität und damit Gesprächsbereitschaft ist oft noch vorhanden. Und: Viele Menschen vergessen schnell und verzeihen gern.

 

Sind jedoch die emotionalen Verbindungslinien endgültig gekappt, wird das Zurückgewinnen schwierig. Man hat sich nun einem neuen Partner zugewandt, hofft auf das Beste und rückt die positiven Seiten der neuen Beziehung in den Vordergrund. All das ist subjektiv eingefärbt – wird aber rational verargumentiert. Wir zimmern uns quasi eine Rechtfertigung für unsere ‚Tat’ und besänftigen so unser schlechtes Gewissen.

 

 

Die Umsetzung der Maßnahmen

 

Die Reaktivierung absprungwilliger beziehungsweise verlorener Kunden ist etwas für Kommunikationsprofis. Eine Menge Verkaufspsychologie ist vonnöten, um sich auf die individuelle Gesprächssituation und den jeweiligen Kundentyp optimal einzustellen. Die Mitarbeiter brauchen dazu fachliche und kommunikative Fähigkeiten – und ein hohes Maß an Identifikation mit ihrem Unternehmen. Wer viel mit Reklamationen zu tun hat, eignet sich dabei besonders gut.

 

Es braucht auch beträchtliche Entscheidungskompetenzen. Denn die für den jeweiligen Fall passende Reaktion muss flexibel und schnell erfolgen. Langwierige bürokratische Prozesse verärgern den Kunden nur noch mehr. Schließlich muss der Mitarbeiter Kosten und Nutzen seiner Zugeständnisse betriebswirtschaftlich abwägen können. Blockt er zu stark, werden die Reaktivierungserfolge mager sein. Ein sensibles Entgegenkommen ist deutlich zielführender. Und das muss gar nicht teuer sein.

 

 

Das Buch zum Thema

 

„Come back! Wie Sie verlorene Kunden zurückgewinnen“, erschienen im Verlag Orell Füssli Zürich 2010 in der 3. Aufl.

 

 

Das Hörbuch zum Thema

 

„Effiziente Kundenrückgewinnung. Die 25 wertvollsten Erfolgsrezepte für das Rückgewinnen verlorener Kunden“, erschienen im Verlag Breuer & Wardin

 

 

Die Autorin

 

Anne M. Schüller ist Management-Consultant und gilt als führende Expertin für Loyalitätsmarketing. Die Diplom-Betriebswirtin und Bestsellerautorin zählt zu den zehn besten Speakern im deutschsprachigen Raum (Conga Award 2010). Sie arbeitet auch als Business-Trainerin und lehrt an mehreren Hochschulen. Managementbuch.de zählt sie zu den wichtigen Managementdenkern. Ihr Buch ‚Kundennähe in der Chefetage‘ wurde mit dem Schweizer Wirtschaftsbuchpreis 2008 ausgezeichnet. Zu ihrem Kundenkreis gehört die Elite der Wirtschaft. Kontakt: www.anneschueller.com bzw. www.kundenrueckgewinnung.com  

 

Ebenfalls interessant:

 

Gastartikelserie Kundenrückgewinnung, Teil 1

 

Kundenabwanderung: Analyse der Ursachen

 

 

 

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